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Passiflora incarnata
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Passiflora incarnata ist eine in den sĂŒdöstlichen USA heimische Pflanzenart, die zu der ĂŒber 500 Arten umfassenden Familie der PassionsblumengewĂ€chse gehört. Zugleich stellt sie die Typusart der Gattung Passiflora dar, die mit mehr als 400 Arten die umfangreichste Gattung der Familie bildet. Die von christlichen Missionaren als Insignien der Passion gedeuteten BlĂŒtenmerkmale haben sich nicht nur in der wissenschaftlichen Gattungsbezeichnung („Passiflora“ = „Passionsblume“), sondern auch dem Artnamen („incarnata“ = „die Fleisch gewordene“) niedergeschlagen.

In den USA ist die essbare FrĂŒchte tragende Art auch als „Maypop“ gelĂ€ufig, im Deutschen wird sie gelegentlich als Winterharte Passionsblume oder Fleischfarbene Passionsblume bezeichnet. Passiflora incarnata zĂ€hlt zu den frosthĂ€rtesten aller Passionsblumen und liefert das pharmazeutisch zum Beispiel in Tees oder Dragees genutzte Passionsblumenkraut (Passiflorae herba). Die Beweislage fĂŒr eine medizinische Wirkung beim Menschen durch klinische Studien ist bisher gering, aber es liegen langjĂ€hrige klinische Erfahrungen vor.cite-ref-kraft2011-1-0[1] Im Tierversuch wurde eine direkte Wirkung auf den GABA-Rezeptor nachgewiesen, der eine große Rolle bei der Kontrolle von Angst und Stressreaktionen spielt.cite-ref-grundmann2009-2-0[2] FĂŒr pharmakologische Wirkungen verantwortliche Substanzen sind noch nicht eindeutig identifiziert, werden jedoch in der Stoffgruppe der in den krautigen Pflanzenbestandteilen enthaltenen Flavonoide vermutet.

Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzen“ an der UniversitĂ€t WĂŒrzburg wĂ€hlte Passiflora incarnata wegen ihres Wirkungsprofils und der langen Nutzungsgeschichte zur Arzneipflanze des Jahres 2011.

Contents

‱ BlĂŒten
‱ Verwendung
‱ Zierpflanze
‱ Quellen
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Beschreibung

Vegetative Merkmale

Passiflora incarnata ist ein immergrĂŒner, ausdauernder Kletterstrauch. Der verholzende StĂ€ngel ist an jĂŒngeren Teilen grĂŒn und im Querschnitt leicht eckig, an Ă€lteren Pflanzenteilen eher grau und rund. Die Art entwickelt 2 bis 6 Meter (selten 10 Meter) lange Triebe. Der Verankerung dienen runde, glatte, unverzweigte und am Ende korkenzieherartig gewundene Sprossranken, die den Blattachseln entspringen. Die netznervigen LaubblĂ€tter sind wechselstĂ€ndig angeordnet, tief dreiteilig gelappt und leicht gesĂ€gt. Ihre LĂ€nge und Breite betrĂ€gt etwa 6 bis 15 Zentimeter. Sie sind unbehaart oder fein behaart, dann am deutlichsten auf den Blattadern und dem Blattstiel. Die Blattstiele erreichen bis zu 8 Zentimeter LĂ€nge, sind furchig, oft verdreht und tragen im oberen Bereich zwei auffĂ€llige, höckerförmige Nektarien. Die Blattspreite trĂ€gt ebenfalls Nektarien. Die beiden 2 bis 8 Millimeter langen NebenblĂ€tter sind borstenförmig und fallen frĂŒhzeitig ab.cite-ref-bulmerbesch-3-0[3]cite-ref-tulmerbesch-4-0[4]cite-ref-hagersbesch-5-0[5]

BlĂŒten

Die radiĂ€rsymmetrischen und fĂŒnfzĂ€hligen BlĂŒten erreichen einen Durchmesser von 6 bis 8 Zentimeter. Sie stehen einzeln an bis zu 10 Zentimeter langen Stielen und werden von drei zugespitzten HochblĂ€ttern umgeben, an denen sich Nektarien befinden. Die fĂŒnf KelchblĂ€tter sind an der Außenseite grĂŒnlich, innen weißlich, bis zu 3 Zentimeter lang und tragen eine kurze Granne. Die fĂŒnf KronblĂ€tter sind weniger derb und etwas kĂŒrzer als die KelchblĂ€tter. Meist sind die KronblĂ€tter blassrosa. Ihre Farbe ist jedoch variabel: Es kommen auch rötlich-violette Tönungen vor, bei der forma alba sind sie weiß. Kelch- und KronblĂ€tter bilden gemeinsam einen zehnblĂ€ttrigen Kreis. Der fĂŒr Passionsblumen typische Strahlenkranz innerhalb der BlĂŒtenkrone (auch als Corona bezeichnet) bildet eine Nebenkrone und besteht bei Passiflora incarnata aus etwa 100 fransenartigen, gewellten FortsĂ€tzen; diese sind nach innen hin weißlich, nach außen rosa bis hellviolett mit dunklerer BĂ€nderung.cite-ref-bulmerbesch-3-1[3]cite-ref-tulmerbesch-4-1[4]cite-ref-hagersbesch-5-1[5]

Die fĂŒnf StaubblĂ€tter tragen gelbe Staubbeutel (Antheren). StaubblĂ€tter und der in drei NarbenĂ€ste geteilte Griffel sitzen einem (fĂŒr Passionsblumen typischen) verlĂ€ngerten sĂ€ulenartigen Abschnitt auf, der als MittelsĂ€ule oder Androgynophor bezeichnet wird. Der Fruchtknoten ist oberstĂ€ndig, die drei FruchtblĂ€tter sind miteinander verwachsen (synkarp).cite-ref-bulmerbesch-3-2[3]cite-ref-tulmerbesch-4-2[4]cite-ref-hagersbesch-5-2[5]

Die BlĂŒtezeit erstreckt sich in der Regel von Juni bis September. Jede BlĂŒte ist nur etwa einen Tag lang geöffnet, wĂ€hrend die drei HochblĂ€tter wesentlich langlebiger sind. Die BlĂŒten von Passiflora incarnata sind in der Regel zwittrig, die Pflanzen bilden besonders bei schlechtem ErnĂ€hrungszustand aber auch mĂ€nnliche BlĂŒten aus. In diesem Fall sind zwar beide Geschlechter vorhanden, jedoch nur das mĂ€nnliche funktionsfĂ€hig (sogenannte Andromonözie).cite-ref-mcguire-6-0[6]

FrĂŒchte und Samen

Die ovalen, gelblichen FrĂŒchte sind Beeren, die in der Form etwa HĂŒhnereiern entsprechen. Ihre LĂ€nge differiert zwischen 4 und 10 Zentimetern. Die Reifung dauert etwa zwei bis drei Monate. Die darin enthaltenen zahlreichen Samen sind ausgereift dunkelbraun, grubig-punktiert, oval-abgeflacht, 5 bis 8 Millimeter lang und 2 bis 3 Millimeter breit. Die essbare, saftig-sĂŒĂŸe Pulpa wird durch schleimige Arilli gebildet, in welche die einzelnen Samen eingebettet sind.cite-ref-bulmerbesch-3-3[3]cite-ref-tulmerbesch-4-3[4]cite-ref-hagersbesch-5-3[5]

Chromosomenzahl

Die Chromosomenzahl betrÀgt 2n = 18.cite-ref-ipcn-7-0[7]

Ökologie

Verbreitung und Standort

Passiflora incarnata ist eine von zwei nordamerikanischen Passionsblumenarten; neben ihr kommt dort nur noch die Gelbe Passionsblume (Passiflora lutea) vor. Die Heimat von Passiflora incarnata liegt in den sĂŒdöstlichen USA, dort wird die Pflanze oder auch nur deren Frucht als „Maypop“ bezeichnet. Weitere dortige englische Bezeichnungen sind „Purple passionflower“ oder „Passion vine“. Die nördliche Verbreitungsgrenze verlĂ€uft durch die US-Bundesstaaten Missouri, Illinois, Indiana, Ohio und Pennsylvania. Im Westen erreicht sie Texas, Kansas und Oklahoma, im SĂŒden Florida. Wird sie durch den Menschen verschleppt, kann sie sich in geeigneter Umgebung als invasive Art erweisen: So ist sie auf den Bermudas inzwischen verwildert. Auch auf den Bahamas, den Antillen, in Mexiko, Mittelamerika, Brasilien und Argentinien ist die Art mittlerweile zu finden.cite-ref-bulmerbesch-3-4[3]cite-ref-tulmerbesch-4-4[4]

Anbaugebiete fĂŒr die pharmazeutische Verwendung befinden sich in Florida und Indien, in kleinerem Umfang auch in Italien und Spanien.cite-ref-hagersvor-8-0[8]

Passiflora incarnata bevorzugt sandige bis steinige, eher trockene Standorte und ist in den Verbreitungsgebieten besonders an Hecken, Straßenböschungen, Feld- und LichtungsrĂ€ndern zu finden. Zumindest fĂŒr die HĂ€lfte des Tages benötigt sie direkte Besonnung. Ausgewachsene Exemplare können Fröste bis zu etwa −15 °C ĂŒberstehen (wobei die oberirdischen Pflanzenteile allerdings absterben), damit ist sie neben der Blauen Passionsblume (Passiflora caerulea) und der Gelben Passionsblume (Passiflora lutea) die frosthĂ€rteste Art der Familie. Passiflora incarnata ist an ihren natĂŒrlichen Standorten nicht gefĂ€hrdet.cite-ref-9[9]

Die Art ist in der Lage, sich durch unterirdische WurzelauslĂ€ufer vegetativ zu vermehren. Bei der Besiedlung gestörter Standorte (etwa frisch gerodete FlĂ€chen oder ErdaufschĂŒttungen) ĂŒberwiegt jedoch die sexuelle Reproduktion gegenĂŒber der vegetativen.cite-ref-10[10]

BlĂŒtenökologie

Passiflora incarnata ist selbstinkompatibel, die BlĂŒten einer Pflanze können sich also nicht selbst befruchten. Da sich die Nektarien der BlĂŒten fast aller Vertreter der Gattung Passiflora in einer mit ZĂ€hnen verschlossenen Einsenkung des BlĂŒtenbodens befinden, welche das Androgynophor umgibt, sind sie nur fĂŒr krĂ€ftige Insekten zugĂ€nglich. Als BestĂ€uber der BlĂŒten fungieren hĂ€ufig Holzbienen der Gattung Xylocopa.cite-ref-mcguire-6-1[6] Diese mĂŒssen, um den Nektar vollstĂ€ndig auszubeuten, einen Kreis um das Androgynophor beschreiben. Passionsblumen und mit ihnen Passiflora incarnata gehören daher aus blĂŒtenbiologischer Sicht zum Typ der sogenannten „Umlaufblumen“. DarĂŒber hinaus sind sie proterandrisch (vormĂ€nnlich), was bedeutet, dass der Pollen vor Ausreifung des Stempels freigesetzt wird. Bei BlĂŒten in frĂŒhem BlĂŒhzustand wird dabei der RĂŒcken des BestĂ€ubers mit Pollen bepudert, der dann bei BlĂŒten im fortgeschrittenen BlĂŒhstadium an die nunmehr abgesenkten drei Narbenköpfe abgegeben werden kann.cite-ref-wolters-11-0[11]

Die BlĂŒten von Passiflora incarnata werden auch gerne von Schmetterlingen besucht, die außerdem den Nektar der extrafloralen Nektarien im Blattbereich nutzen; dies gilt auch fĂŒr Nachtschmetterlinge (beispielsweise die Nachtfalterart Herpetogramma phaeropteralis). Die extrafloralen Nektarien locken zudem Ameisen an, die durch ihre Anwesenheit den Befall der Pflanze durch Fraßfeinde (insbesondere Raupen verschiedener Schmetterlingsarten) reduzieren.cite-ref-12[12]

Inhaltsstoffe

Charakteristische Inhaltsstoffe der krautigen Pflanzenmasse von Passiflora incarnata stammen aus der Gruppe der Flavonoide. HauptsĂ€chlich handelt es sich um von Apigenin und Luteolin abgeleitete C-Glycoside, etwa Isovitexin, Isoorientin und weitere verwandte Substanzen. Angaben zum Flavonoid-Gesamtgehalt schwanken – auch abhĂ€ngig vom Analyseverfahren – zwischen 0,47 % und 3,91 % in der getrockneten Droge. Cumarin-Derivate, essentielle FettsĂ€uren sowie Ätherische Öle sind in Spuren nachgewiesen. Potenziell toxische Harman-Alkaloide sind, im Gegensatz zu frĂŒheren Aussagen nicht oder nur in vernachlĂ€ssigbar geringen Spuren vorhanden. Ähnliches gilt fĂŒr Maltol, das nach Ă€lteren Untersuchungen in kleinen Mengen enthalten sein soll, was neueren Studien zufolge aber wahrscheinlich ein Artefakt darstellt. Das in Passiflora incarnata nachgewiesene cyanogene Glykosid Gynocardin wurde bisher in keiner anderen Passionsblumenart gefunden, ist jedoch in unbedenklich geringer Menge enthalten. Daraus freigesetzte BlausĂ€ure konnte nicht nachgewiesen werden.cite-ref-hagersch-13-0[13]cite-ref-ema-14-0[14]

In der Wurzel, die bislang kaum auf Inhaltsstoffe untersucht wurde, obwohl sie den von amerikanischen Ureinwohnern medizinisch genutzten Pflanzenteil darstellt (s. u.), sind Cumarine (Scopolentin und Umbelliferon) nachgewiesen worden. Die FrĂŒchte enthalten verschiedene Zucker und organische SĂ€uren; Flavonglykoside wurden in FrĂŒchten und Samen in Spuren nachgewiesen.cite-ref-hagersch-13-1[13]

Verwendung

Zierpflanze

Die bis −15 °C frostharte Passiflora incarnata wird in klimatisch geeigneten Gegenden manchmal als Zierpflanze verwendet. Die meisten europĂ€ischen Klone sind durch Virusbefall gekennzeichnet, der sich in weißen Flecken auf den BlĂ€ttern und gelegentlichen Deformationen der BlattrĂ€nder Ă€ußert. Einige Hybriden (siehe unten) werden ebenfalls zu Zierzwecken gepflanzt.cite-ref-tulmerbesch-4-5[4]

Nahrungsmittel

Nordamerikanische Ureinwohner nutzten Passiflora incarnata als Nahrungsmittel und zur GetrĂ€nkzubereitung. Die Samen wurden in mehrere tausend Jahre alten archĂ€ologischen StĂ€tten der sĂŒdöstlichen Algonkin in Virginia gefunden. Ebenfalls aus Virginia berichteten die Forschungsreisenden William Strachey und John Smith 1612, dass dort ansĂ€ssige IndianerstĂ€mme die Pflanzen unter der Bezeichnung Maracock (die Ähnlichkeit mit dem aus dem sĂŒdamerikanischen GuaranĂ­ stammenden Wort Maracuja dĂŒrfte Zufall sein) ihrer FrĂŒchte wegen anpflanzten. Diese wurden entweder roh gegessen oder zu Sirup verarbeitet. Ihr Saft wurde auch ausgepresst und genossen, zuweilen gestreckt mit Mehl. Auch junge Triebe und BlĂ€tter dienten, gemischt mit anderen GemĂŒsen, der ErnĂ€hrung.cite-ref-woltersnahr-15-0[15]cite-ref-16[16]

Als Nahrungsmittel besitzt die Art heute keine nennenswerte wirtschaftliche Bedeutung, anders als beispielsweise Passiflora edulis.

Volksmedizinische und pharmazeutische Verwendung

Bei den Ureinwohnern Nordamerikas kam – im Gegensatz zu heute – Passiflora incarnata medizinisch nicht als Kraut, sondern in Form von Wurzelzubereitungen zum Einsatz. Die Houma verwendeten WurzelstĂŒckchen in Trinkwasser als Blut-Tonikum. Die Cherokee verabreichten Kleinkindern zur leichteren Entwöhnung Wurzeltee, bei Erwachsenen wurde er gegen Leberbeschwerden eingesetzt. BreiumschlĂ€ge aus gemahlener Wurzel wurden bei Schnittwunden verwendet, abgekochter Wurzelsud bei EntzĂŒndungen eingesetzt und warme AufgĂŒsse bei Ohrenschmerzen in die Ohren getrĂ€ufelt.cite-ref-woltersnahr-15-1[15]

In der Volksheilkunde der eingewanderten europĂ€ischen Siedler im sĂŒdlichen Appalachengebiet wurden AufgĂŒsse aus getrockneten BlĂ€ttern als Sedativum bei NervositĂ€t, Hysterie und gegen Schlaflosigkeit verwendet (ob diese Praxis von den Ureinwohnern ĂŒbernommen wurde, ist nicht bekannt). Die frĂŒheste Beschreibung amerikanischer Heilpflanzen, die 1787 in lateinischer Sprache publizierte Materia Medica Americana des deutschen Naturforschers Schoepf, erwĂ€hnt die Verwendung von Passiflorae species in Carolina als Mittel gegen Epilepsie im Alter.cite-ref-17[17] Eine amerikanische Überblicksdarstellung von 1896 schildert ein breites Wirkungsspektrum von Passiflora incarnata, das von der Verwendung als Nerven-Sedativum und -Tonikum ĂŒber Schlafmittel, Krampflöser und Durchfallmittel bis hin zum Einsatz als Antiepileptikum oder der Verhinderung drohender Fehlgeburten reicht.cite-ref-18[18]

In den USA auch im 20. Jahrhundert in verschiedenen freiverkĂ€uflichen Zubereitungen erhĂ€ltlich, wurde Passiflora incarnata 1978 die Anerkennung durch die Food and Drug Administration (FDA) entzogen, was damit zusammenhing, dass ab diesem Zeitpunkt die Hersteller Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit liefern mussten. Da entsprechende Nachweise ausblieben, ging die medizinische Verwendung von Passiflora incarnata in den USA stark zurĂŒck, anders als in Deutschland, Frankreich und weiteren europĂ€ischen LĂ€ndern. Daher gelangt die Hauptmenge geernteter BlĂ€tter nunmehr nach Europa.cite-ref-19[19]

Eine medizinische Verwendung von Passiflora incarnata in Europa ist im 20. Jahrhundert insbesondere bei leichten Symptomen nervöser UnruhezustĂ€nde, als Einschlafhilfe oder auch als angst- und krampflösendes Mittel in namhaften medizinischen HandbĂŒchern belegt (etwa im 1938 publizierten Lehrbuch der biologischen Heilmittel von Gerhard Madaus). Verwendet wird entweder das getrocknete Laub (das auch Teile von BlĂŒten und FrĂŒchten enthalten kann) oder ethanolische bzw. methanolische Extrakte mit einem Mindestgehalt von 2,0 % an Flavonoiden. Im EuropĂ€ischen Arzneibuch wird die aus P. incarnata gewonnene Droge als „Passiflorae herba“ („Passionsblumenkraut“) bezeichnet (Synonym: „Herba Passiflorae“). Passionsblumenkraut findet sich in freiverkĂ€uflichen pharmazeutischen PrĂ€paraten, entweder feingeschnitten in Teezubereitungen oder als Auszug in Dragees oder Tropfen, meist in Kombination mit anderen Pflanzen, insbesondere Baldrian, Weißdorne, Hopfenzapfen oder MelissenblĂ€ttern. Auch KombinationsprĂ€parate von Johanniskraut, Passionsblume und Baldrian werden angeboten.cite-ref-20[20] Das enthaltene „Passionsblumenkraut“ muss stets von Passiflora incarnata stammen (auch wenn Darstellungen auf der Verpackung fĂ€lschlich oft andere Arten wie die Blaue Passionsblume zeigen).cite-ref-hagersanw-21-0[21]

Die frischen oberirdischen Teile von Passiflora incarnata kommen auch in der Homöopathie gegen Schlaflosigkeit, Krampfleiden und UnruhezustĂ€nde zur Verwendung. Neben Urtinktur und flĂŒssigen VerdĂŒnnungen werden auch StreukĂŒgelchen, Tabletten und Salben daraus hergestellt.cite-ref-hagershom-22-0[22]

Toxikologische Eigenschaften

FrĂŒhere Studien stuften die gesamte Pflanze mit Ausnahme der FrĂŒchte als giftig ein.cite-ref-23[23] Dies beruhte auf der Annahme eines toxikologisch relevanten Gehaltes an Harman-Alkaloiden, die sich jedoch als nicht haltbar erwies. Als toxische Inhaltsstoffe kommen bei einigen Passionsblumenarten zwar hohe Gehalte an cyanogenen Glycosiden vor; bei Passiflora incarnata konnte aus dieser Stoffgruppe jedoch lediglich Gynokardin in einer unbedenklich geringen Konzentration nachgewiesen werden. Berichte ĂŒber Vergiftungen beim Menschen durch Bestandteile der Pflanze sind nicht bekannt.cite-ref-ema-14-1[14]

Im Tierversuch (bei MĂ€usen und Ratten) liegt die mittlere letale Dosis (LD50), also diejenige, bei der die HĂ€lfte der Tiere stirbt, bei oraler Gabe mit ĂŒber 15 g/kg sehr hochcite-ref-hagersanw-21-1[21] (zum Vergleich Vitamin C: 11,9 g/kg bei Rattencite-ref-24[24]). Auch Langzeitgaben hoher Dosen blieben im Tierexperiment ohne Einfluss auf Gewicht, Temperatur und Koordinationsvermögen. Eine GenotoxizitĂ€t ist nicht nachgewiesen. Zu eventueller KarzinogenitĂ€t und Reproduktions- bzw. EntwicklungstoxizitĂ€t liegen keine Studien vor. Auch eine eventuelle MutagenitĂ€t ist nicht untersucht (der Ames-Test wĂ€re hierbei ein Standardverfahren). Zu eventuellen Nebenwirkungen oder Kombinationswirkungen mit anderen Medikamenten sind ebenfalls keine Daten verfĂŒgbar.cite-ref-ema-14-2[14]

Wirksamkeitsstudien

Dem Passionsblumenkraut werden traditionell positive Wirkungen besonders bei nervösen ZustĂ€nden und leichten Einschlafstörungen zugeschrieben, ferner krampflösende und anxiolytische (angstlösende) Eigenschaften. Ein 2008 publizierter Report (Monografie) des Ausschusses fĂŒr pflanzliche Arzneimittel (Committee on Herbal Medicinal Products, HMPC) der EuropĂ€ischen Arzneimittelagentur (EMA) belegt bis zu diesem Zeitpunkt nur vier klinische Studien beim Menschen mit entsprechender Fragestellung. Sofern diese ĂŒberhaupt ĂŒber eine Wirksamkeit berichten, weisen sie inhaltliche bzw. statistisch-methodische Defizite auf, so dass sie eine klinische Wirksamkeit nicht hinreichend belegen können.cite-ref-ema-14-3[14] Ein Cochrane Review kam im gleichen Jahr zu einem vergleichbaren Ergebnis.cite-ref-25[25]

Die meisten derzeit in Deutschland zugelassenen Passionsblumen-PrÀparate sehen die Behandlung von nervösen UnruhezustÀnden vor. Die Zulassung wurde aufgrund einer Monografie der Kommission E der EMA erteilt, welche 2008 durch den Report der HMPC abgelöst wurde. Diese schreibt dem Passionsblumenkraut nur noch die sogenannte traditionelle Anwendung zur Linderung milder Stresssymptome und als Schlafhilfe zu.cite-ref-26[26]

Tierexperimentelle Studien bei Ratten und MĂ€usen mit Extrakten aus Passiflora incarnata ergaben Hinweise auf sedierende und anxiolytische Wirkungen. In-vitro-Untersuchungen konnten inzwischen die Wirksamkeit von Passionsblumenextrakt am GABA-Rezeptor bestĂ€tigen.cite-ref-appel2010-27-0[27] So wurde festgestellt, dass der Passionsblumentrockenextrakt die Wiederaufnahme des Neurotransmitters GABA (Gamma-Amino-ButtersĂ€ure) in die Synaptosomen hemmt. Der Extrakt hat jedoch keinen Einfluss auf die GABA-Freisetzung und die GABA-TransaminaseaktivitĂ€t. Mit Hilfe von Bindungsstudien wurde der Einfluss des Passionsblumenkrauts auf den GABA-B-Rezeptor festgestellt. Das Passionsblumenkraut wirkt als Antagonist.cite-ref-appel2010-27-1[27] GABA-B-Modulatoren sind als Anxiolytika beschrieben worden.cite-ref-frankowska2007-28-0[28] Außerdem wirken sie sich unterstĂŒtzend bei der Suchtentwöhnung aus.cite-ref-martin2009-29-0[29] Passionsblumenkraut hatte in den Bindungsstudien auch einen Einfluss auf die GABA-A-Rezeptoren, jedoch nicht an deren Ethanol- oder Benzodiazepin-Bindungsstelle. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Bindung des Passionsblumenextraktes an die GABA-Bindungsstelle des GABA-A-Rezeptors fĂŒr dessen klinische Wirksamkeit relevant ist.cite-ref-appel2010-27-2[27]

Eine eindeutig fĂŒr die pharmakologische Wirksamkeit verantwortliche Substanz wurde bislang nicht identifiziert, eventuell handelt es sich auch um ein Substanzgemisch. Eine indische Autorengruppe fĂŒhrt die Wirkungen auf ein nicht genauer spezifiziertes trisubstituiertes Benzoflavonderivat zurĂŒck, dessen Wirksamkeit auf Interaktion mit einem Enzym der Cytochrom-P450-Familie beruhen soll.cite-ref-30[30] Auch eine krampflösende Wirkung von Pflanzenextrakten konnte bei MĂ€usen gezeigt werden, die offenbar insbesondere ĂŒber GABA- bzw. Benzodiazepin-Rezeptoren vermittelt wird.cite-ref-31[31] Als fĂŒr angstlösende Wirkung bei Ratten verantwortliche Substanz wird das Flavonoid-Aglykon Chrysin (5,7-Dihydroflavon) in Betracht gezogen.cite-ref-32[32] Eine positive Wirkung im Hinblick auf Vorbeugung gegen Arteriosklerose und cardioprotektive (herzschĂŒtzende) Effekte wird ebenfalls beschrieben und mit der antiradikalischen Eigenschaft der enthaltenen Flavonoide begrĂŒndet.cite-ref-33[33]

Insgesamt stĂŒtzt sich die Anwendung von „Passiflorae herba“ somit (da gut dokumentierte, kontrollierte klinische Studie noch ausstehen) auf die seit langem belegte volksmedizinische Tradition und Ergebnisse tierexperimenteller Untersuchungen. Pharmakologisch wirksame Substanzen werden in der Stoffgruppe der Flavonoide vermutet.

Eine randomisierte, doppelblinde Phase-III-Studie mit nur 36 Probanden und ohne Placebo Kontrolle kam zum Ergebnis, dass Passionsblumen-Extrakt bei Patienten mit einer generalisierten Angststörung ein Ă€hnliches Ergebnis liefert, wie die tĂ€gliche Gabe von 30 mg Oxazepam ĂŒber einen Zeitraum von vier Wochen. Zwei klinische Studien mit je nur 60 Teilnehmern zeigten, dass das PrĂ€parat die Angst vor einer Operation abmildern kann. Die kombinierte Einnahme zusammen mit Clonidin bei einer Entzugstherapie zur Behandlung einer Opiat-AbhĂ€ngigkeit steigerte die Wirkung des Clonidins in einer weiteren Studie mit 65 Probanden.cite-ref-34[34]

Eine Studie ĂŒber die Wirkung der kombinierten Einnahme mit Extrakt des Echten Johanniskrauts kam zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit der Wiederaufnahmehemmung fĂŒr Serotonin gesteigert wurde. BetrĂ€gt die Hemmung bei Echtem Johanniskraut alleine 60 %, so bringt die Kombination mit Passionsblumenextrakt die Wirksamkeit in den Bereich des zum Vergleich herangezogenen Fluvoxamins, bei dem die Hemmung 90 % betrĂ€gt. Eine Erhöhung der Dosierung verringert die Wirksamkeit allerdings wieder.cite-ref-35[35]

Botanische Geschichte und Systematik

Die Gattungsbezeichnung Passiflora (von lat. passio = Leiden, flos = Blume) verweist auf die Passion Christi und erklĂ€rt sich aus den in frĂŒhen Beschreibungen religiös gedeuteten Merkmalen der Pflanzengattung, besonders ihrer BlĂŒte. Dabei wurde beispielsweise die Nebenkrone als Dornenkrone interpretiert, die fĂŒnf StaubblĂ€tter als Wundmale, die drei Narben als KreuznĂ€gel und die Sprossranken als Geißeln. Das ebenfalls aus dem Lateinischen stammende Art-Epitheton incarnata bedeutet die Fleisch Gewordene.

Erste Beschreibungen und Darstellungen der Art Passiflora incarnata sind aus dem 17. Jahrhundert ĂŒberliefert. In einer 1609 veröffentlichten Schrift des Dominikanermönchs und Missionars Simone Parlascacite-ref-36[36] findet sich eine stark stilisierte und von religiöser VerklĂ€rung der Passionsblume geprĂ€gte Abbildung (so ist anstelle des Strahlenkranzes eine Dornenkrone dargestellt, anstelle der drei Narbenköpfe NĂ€gel). In der SekundĂ€rliteratur herrscht weitgehend Konsens, dass hier Passiflora incarnata als Vorbild diente.cite-ref-bulmereinf-37-0[37]

Andere Autoren waren bestrebt, die Pflanze naturgetreu, frei von religiöser Symbolik darzustellen, so 1619 der italienische Illustrator Giovan Fabri.cite-ref-38[38]

Der Basler Botaniker Caspar Bauhin fĂŒhrte die Art 1623 unter dem Namen Clematis trifolia roseo clavato. 1628 (jedoch erst 1651 publiziert)cite-ref-39[39] fĂŒhrte Federigo Cesi erstmals die Bezeichnung Passiflora fĂŒr die bislang auch als Granadilla bzw. Flos passionis bezeichnete Gattung ein. 1675 veröffentlichte Maria Sibylla Merian eine Darstellung der Pflanze im 1. Band ihres Neuen Blumenbuches.cite-ref-bulmereinf-37-1[37]

1737 wurde die Gattungsbezeichnung Passiflora durch Carl von LinnĂ© etabliert und 1753 erfolgte die wissenschaftliche Erstbeschreibung von Passiflora incarnata 1753 im 2. Band seiner Species Plantarum.cite-ref-40[40] Das Typusexemplar wird unter der Nr. 1070.25 im LinnĂ©-Herbarium in Uppsala aufbewahrt.cite-ref-41[41] 1938 wurde Passiflora incarnata zudem zum Typus fĂŒr die gesamte Gattung Passiflora erklĂ€rt.cite-ref-42[42]

Als Synonyme wurden folgende Bezeichnungen verwendet:cite-ref-43[43]cite-ref-44[44]

‱ Granadilla incarnata Medik.
‱ Passiflora edulis Sims var. kerii Mast.
‱ Passiflora incarnata L. var. integriloba DC.
‱ Passiflora kerii Spreng.

Neben einem weißblĂŒhenden Cultivar (Passiflora incarnata forma alba Waterf.) wurde Passiflora incarnata zur ZĂŒchtung mehrerer Hybriden herangezogen. Sie kann – wie viele Passionsblumen – mit anderen Arten der Gattung Passiflora gekreuzt werden. Zu nennen sind beispielsweise:cite-ref-45[45]

‱ Passiflora ‚Byron Beauty‘, eine 1989 im Rahmen eines USDA-Programmes aus einer Kreuzung mit Passiflora edulis hervorgegangene tetraploide Hybride.
‱ Passiflora x colvillii, 1824 von Colvill’s Nursery in England durch Kreuzung mit Passiflora caerulea gezĂŒchtet; weist wie beide Elternteile eine hohe Frostresistenz auf.
‱ Passiflora ‚Incense‘, eine 1973 von der USDA selektierte Hybride mit Passiflora cincinnata, durch dunkelviolette BlĂŒten gekennzeichnet.

Quellen

Literatur

‱ Franz v. Bruchhausen (Hrsg.): Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis. Bd. 6: Drogen P–Z, 5. Aufl., Springer, Berlin / Heidelberg u. a., 1994, ISBN 978-3-540-52639-1.
‱ Bettina Ulmer, Torsten Ulmer: Passionsblumen. Witten, 1997, ISBN 3-00-000684-2.
‱ Torsten Ulmer, John Mochrie MacDougal, Bettina Ulmer: Passiflora. Passionflowers of the World. Portland/Or. u. a., Timber Press, 2004, ISBN 978-0-88192-648-4.
‱ Bruno Wolters: Agave bis Zaubernuss. Heilpflanzen der Indianer Nord- und Mittelamerikas. Greifenberg, Urs Freund Verl., 1996, ISBN 3-924733-04-X.

Einzelnachweise

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cite-note-tulmerbesch-44. ↑ T. Ulmer et al., S. 294–295.
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cite-note-4141. ↑ Natural History Museum of London – The Linnaean Plant Name Typification Project; mit Bild des Typusexemplars.
cite-note-4242. ↑ E. P. Killip: The American species of Passifloraceae. Publ. Field Mus. Nat. Hist. Bot., Ser. 19, 1938.
cite-note-4343. ↑ Atlas of Florida Vascular Plants
cite-note-4444. ↑ Missouri Botanical Garden, Nomenclatural Data Base
cite-note-4545. ↑ B. Ulmer, div. Seiten

Weblinks

Commons

:

Passiflora incarnata

– Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

‱ Eintrag im Germplasm Resources Information Network (GRIN) (engl.)
‱ Steven Foster: Passionflower – Passiflora incarnata (engl.)
‱ Plants Profile des Natural Resources Conservation Service (USDA) (engl.)
‱ Fact Sheet, University of Florida (engl.; PDF; 89 kB).
‱ European Medicines Agency: Assessment Report on Passiflora incarnata L., Herba, 2008 (engl.; PDF; 129 kB).
‱ Angaben des Neuen Senckenbergischen Arzneipflanzengartens, Frankfurt a. M. (Memento vom 28. Februar 2011 im Internet Archive).
‱ Beschreibung der Droge in: Thomas Schöpke: Botanik fĂŒr Pharmazeuten (Univ. Greifswald) (Memento vom 1. April 2009 im Internet Archive).
‱ einBLICK, Das Online-Magazin der UniversitĂ€t WĂŒrzburg: Passionsblume ist Arzneipflanze des Jahres.